Grüße vom Verstorbenen – Der Mohn meines Mannes

Der Mohn meines Mannes

Mein geliebter Mann Dirk ging im April 2013 nach einem glücklichen und erfüllten Leben von uns. Meine Tochter Lara (13) und ich (44) verloren einen wundervollen Menschen, aber wie sich herausstellen sollte, verloren wir ihn nicht wirklich. Die Diagnose war damals kurz und schmerzvoll: Magenkrebs mit Metastasen in der Leber. Lebenserwartung noch maximal drei bis vier Monate. Dirk ging nicht Fallschirmspringen oder stieg auf den Kilimandscharo.

Er ging hinaus in den Garten und gestaltete diesen komplett um, weil er wusste, dass ich unseren Garten liebte. Er wollte seinen beiden Frauen etwas Wunderschönes hinterlassen, und das schaffte er auch.

Aus den drei Monaten wurden zwei Jahre. Dirks Lebenswillen hielt den Tod auf Distanz, und er hatte bis zum Ende ein angenehmes Leben. Diese zwei Jahre waren ein echtes Geschenk für uns alle. Geschenkte Lebenszeit – keine Leidenszeit. In seinen letzten Monaten baute er noch einen herrlichen Schwimmteich in den Garten.

Davon hatte ich immer geträumt. Er übertraf alle Erwartungen

In den 22 Jahren unserer Ehe hatte Dirk mir zum Geburtstag im Juni oft Mohnblumen geschenkt, meine absoluten Lieblingsblumen. Ich mochte sie so sehr, weil ihre roten Blütenblätter so unendlich weich und zart waren.

Ich verband die prächtigen, wild roten, fröhlichen Blumen immer mit schönen, heißen Sommern und mit den Kornfeldern meiner Heimat. Stolz erheben sie ihre Köpfe und haben noch nicht mal vor der Hitze der Sonne Angst. Dabei sind sie so zart, dass es reicht, ein wenig zu pusten, um ihre Blätter der Erde zu schenken. Die Pflanzen blühen in der Zeit von Mai bis September. Die Blüten halten meist nur einen Tag und fallen dann ab.

Mohn hatte für mich aber immer zwei Gesichter … und zwei Seelen. Im Volksmund wird er auch „Pflanze des Lebens und des Todes“ genannt, denn er kann heilen und töten. Die Mohnblume wird auch oft als Zeichen der Vergänglichkeit gedeutet. Heute noch blüht sie wunderschön, morgen schon verliert sie alle Blätter.

In der früher noch oft gebräuchlichen Sprache der Blumen hat der rote Mohn eine ganz besondere Bedeutung: Er soll Trost spenden. Mein Mann kannte mich in- und auswendig, und er wusste, dass es mich immer vor den dunklen Tagen des Herbstes grauste, wenn die Abende wieder so kalt waren, dass man nicht mehr draußen sitzen konnte.

Als ich am dritten Oktober (übrigens der Geburtstag seines Vaters) in den Garten hinausging, stockte mir der Atem, und Tränen schossen mir aus den Augen … Am Ufer unseres Teichs stand eine rot blühende Mohnpflanze, die ich am Tag davor noch nicht bemerkt hatte. Als hätte sie jemand über Nacht dort eingepflanzt. Wir hatten dort aber auch nie Mohn gepflanzt. Die Samen mussten vom Wind herübergeweht worden sein, um mir in meinem Herbst Trost zu spenden.

Von dem Tag an ging ich jeden Morgen lächelnd und weinend in den Garten, um mich von meinen Blumen trösten zu lassen. Ich redete mit ihnen und bedankte mich bei meinem Mann, dass er mir dieses Wunder geschenkt hatte.

Doch das wahre Wunder war, dass dieser Mohn kein einziges seiner Blütenblätter verlor. Bis zum heutigen Tag, sechs Wochen nachdem ich ihn entdeckt hatte, blüht er trotz Kälte und Herbststürmen noch wie am Anfang! Bis Anfang Dezember hält er seine zarten Blüten und begleitet mich so durch die traurigste Jahreszeit. Ein liebendleuchtend roter Gruß in tristen und grauen Tagen.

Unser Mohn trotzte – wie unsere Liebe – den Stürmen des Lebens … wider allen Regeln und Naturgesetzen.
Er hat für mich heute nur noch ein Gesicht und eine Seele. Er ist die Blume des Lebens, – des ewigen Lebens.

Danke, dass du uns diesen Trost geschenkt hast, Dirk! Wir wissen jetzt, dass du immer bei uns bist …

In ewiger Liebe, Claudia und Lara

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